Die Hickethier-Sehschulung

von Friedrich Depke

Neben der Bates-Methode, entstand in den 1920er Jahren eine weitere alternative Augen-Therapie – die Hickethier-Sehschulung. Begründer war Kurt Hickethier, weithin bekannt durch seine Forschungen auf dem Gebiet der Antlitzdiagnostik. Er leitete damals als Heilpraktiker das Kurhaus „Schüßlerheim“ in Ellrich im Südharz.

Während des ersten Weltkrieges (1914-1918) erkrankte Kurt Hickethier an der Bechterewschen Krankheit. Da er zu dieser Zeit bereits tief in der Erforschung der Antlitzdiagnostik steckte, wendete er seine Erkenntnisse auch bei sich persönlich an. Seine anfängliche Therapie basierte auf den Schüßler-Salzen, die er sich selbst nach der Antlitzdiagnose verordnete. Das weitere Behandlungskonzept ergänzte er durch zusätzliche wirkungsvolle Komponenten, wie Mineralbäder und Nervenmassagen, Kaltwasseranwendungen, Luft- und Sonnenbäder, Bewegungs- und Entspannungsübungen und eine naturgemäße, gesunde Ernährung.

Auf Grund dieser Maßnahmen trat bei Hickethier nach kurzer Zeit eine deutliche Verbesserung seines Gesundheitszustandes ein, so daß er nach wenigen Wochen mit der eigentlich unheilbaren Bechterewschen Krankheit dauerhaft beschwerdefrei leben konnte. Was ihn aber bei seiner Genesung besonders erstaunte, war die Tatsache, daß sich seine Sehkraft ebenfalls deutlich verbesserte und sich sein Nervensystem wesentlich belastbarer zeigte, als je zuvor. Der Forschergeist in ihm interessierte sich vor allem für die Zusammenhänge, warum durch Behandlung der Bechterewschen Krankheit die Sehkraft profitierten konnte, obwohl sie überhaupt nicht im Focus der Behandlung stand. Durch akribische Untersuchung aller Behandlungsmaßnahmen, kam Hickethier zur Erkenntnis, daß seine Therapie vor allem das Nervensystem stärkte. Das Nervensystem steuert, überwacht und beeinflußt sämtliche Funktionen der Systeme und Organe im menschlichen Körper. Daher war für Hickethier diese enorme Wirkung auch nicht verwunderlich. Bei großer Überlastung des Nervensystems können Störungen entstehen und bestehende Probleme sich verstärken. Im Umkehrschluß kann der Körper leistungsfähiger werden und leichter genesen, wenn sich der Allgemeinzustand des Nervensystems deutlich verbessert. Diese Selbsterfahrung war der Grundstein zur Entstehung der Hickethier-Sehschulung und der Kur nach Hickethier, weil sie sich zur Behandlung vieler organischer Störungen eignen.

Mit seiner Sehschulung beschritt Hickethier gänzlich andere Wege in der Augenheilkunde. Nach seiner Meinung sind die Ursachen von Sehstörungen weniger bei den Augen zu suchen, als beim geschwächten Nervensystem und Gehirn. Er ging sogar soweit zu behaupten, daß das Auge nur zu ca. 5 bis 10% am Sehvorgang beteiligt ist, also 90 bis 95% des Sehvorgangs durch eine überwiegende Arbeit des Gehirns und des Nervensystems zustande kommt. Deswegen setzte sein Therapie-Konzept vor allem an der Stärkung des Nervensystems und des Gehirns an.

Der Begriff Sehschulung läßt vermuten, daß die Augen intensiv trainiert werden. Es ist aber ganz anders! Auch wenn Hickethier sich teilweise von Bates inspirieren ließ, spielen Sehübungen und Sehtraining während einer Hickethier-Sehschulung keine große Rolle, soweit es sich um bewußte Augenübungen handelt. Da sich das Nervensystem und Gehirn während der Sehschulung erholen soll, wird jegliches bewußtes Augentraining strikt vermieden! Dafür stehen Entspannungsübungen im Vordergrund, um den natürlichen Spannungswechsel wieder in Gang zu bringen. Hickethiers Entspannungsübung ist die „Losung“, die vor allem das Ziel hat, in eine Gedankenruhe zu gelangen. Diese Übung soll der Gedankenpflege sowie dem generellen „Loslassen“ und der Entkrampfung dienen.

Die Gedanken sind ein zentrales Thema in unserem Leben und kosten jeden Menschen mehr oder weniger Kraft. Wenn wir bewußt unser Gedankenleben anschauen, stellen wir mit Überraschung fest, daß es oftmals besser ist, wenn wir bestimmte Gedanken nicht mehr pflegen. Vor allem dann, wenn es sich um trübe oder traurige Gedanken, unproduktive Grübeleien, Ärger, Sorgen und Ängste handelt. Diese sind oftmals unnütz und vergeuden wertvolle Nervenkräfte, die dadurch dem übrigen Organismus vorenthalten werden. Die Nervenkräfte sind aber auch für das Sehen von besonderer Bedeutung, denn durch die moderne Gehirnforschung wissen wir heute, daß beim Sehvorgang zwei Drittel unserer Gehirnzellen in Aktion versetzt werden. Und Gehirnzellen brauchen viel Energie, also Nervenkraft! Ist es da verwunderlich, wenn bei einem belasteten Nervensystem die Sehkraft schwindet?

Die Hickethier-Sehschulung ist eine Kur von mindestens 12 Tagen. Während der Kur wird dem ganzen Organismus auf vielfältige Weise die Möglichkeit gegeben, sich zu regenerieren. Entspannungsübungen stehen im Vordergrund, um Körper, Seele und Geist wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wer an einer Sehschulung teilnehmen möchte, sollte dazu bereit sein für die Dauer der Kur die Brille abzulegen. Gleichzeitig wäre es gut in dieser Zeit weder zu lesen, noch zu schreiben. Diese ungewöhnliche Regel hat einen wichtigen Hintergrund. Das Sehvermögen kann sich nur grundlegend erholen, wenn die Augen vorübergehend nicht so stark belastet werden. Die eventuell anfängliche Unsicherheit und Angst vor dem Ablegen der Brille, weicht meistens schon nach kurzer Zeit. Selbst stark Kurzsichtige sind immer wieder überrascht, wie gut sie ohne Brille auskommen können.

Weitere Behandlungsansätze sind verschiedenste Bewegungsübungen, die den gesamten Körper, vor allem die einzelnen Wirbelsäulenabschnitte, gezielt in Bewegung versetzen. Zum Einsatz kommen auch die Antlitzdiagnose mit einer individuellen Verordnung der Biochemie nach Dr. Schüßler (Schüßler-Salze) sowie Augenwasserbäder, Augensonnenbäder mit geschlossenen Augen, Mineralbäder und die „Rückgratpflege“, eine dynamisch energetisierende Massage, welche von Kurt Hickethier entwickelt wurde.

Natürlich gibt es in der Hickethier-Sehschulung auch tägliche Sehübungen. Der Hauptaugenmerk wird aber auf unbewußte Augenübungen gelegt, wie z.B. beim Ballspielen. Hier ist vor allem das freudige Spiel gemeint, bei dem unterschiedlichste Augenübungen durchgeführt werden, die nur wenig Nervenkraft verbrauchen, weil sie unbewußt durchgeführt werden. Spielerische Übungen haben auch den Vorteil, daß sie die Freude und den Humor fördern! Beide haben einen zusätzlichen großen Heilungseffekt, der kaum Nervenkraft benötigt und so der Regeneration der Augen förderlich ist.

Die Hickethier-Sehschulung wird auch heute noch nach den Vorgaben ihres Begründers als Therapie-Seminar durchgeführt. Ihr Ziel besteht darin, den Menschen durch Stärkung der Nervenkraft und des Allgemeinbefindens zu einer besseren Sehkraft zu verhelfen. Wer es lernt seine begrenzten Kräfte gezielt einzusetzen und zu nutzen, kann auch in der in der heutigen Zeit allen Anforderungen des Lebens besser gerecht werden.

Die Erkenntnisse über seine Sehschulung hat Kurt Hickethier im Buch „Volle Sehkraft“ zusammengefaßt. (Zur Zeit noch vergriffen.)

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