Einführung in die Antlitzdiagnostik

von Richard von Rüsten

Neben dem Namen unseres Altmeisters Schüßler klingt der Name Hickethier freudig und dankbar aus dem Munde der Biochemiker. Hickethiers Menschenliebe und Aufopferungsvermögen entzünden die Herzen der dankbaren Menschenkinder, die mit ihm in Verkehr treten konnten. Und Hickethier zum Danke und der biochemischen Heilweise zum Segen widme ich meine Kräfte nach Vermögen und trage den Samen aus auf fruchtbaren Acker.

I. Die Grundlagen der Antlitzdiagnostik

sind gegeben durch den

a) Volksmund. Allerhand Redewendungen und Aussprüche finden wir im gewöhnlichen Leben, wenn das Volk über den Gesundheitszustand der Mitmenschen so ohne weiteres vom Gesicht aus urteilt, z. B.: „Jemand sieht aus wie Kalk an der Wand“, „Du siehst ja ganz weiß und blaß von Gesicht aus.“ Meistens handelt es sich dabei um Wesen, die ihr Hauptdasein im Schatten führen, um Kinder mit Neigung zu Drüsenschwellung usw. Liegt also in solchen Fällen eine krankhafte Veränderung in den Zellen vor, so läßt sich der Laie auch sehr oft durch die Gesichtsfarbe täuschen, wenn er sagt: „Das junge Mädchen sieht aus wie Milch und Blut.“ Der Kenner sieht unter dem „Wächsernen“ vielfach Blutarmut, allgemeine Körperschwäche und läßt sich nicht durch den günstig wirkenden Gesichtsausdruck zu der Behauptung verleiten, daß die Person tatsächlich über eine kräftige Gesundheit verfügt, wenn es auch zunächst so scheint. Die Täuschung beruht hauptsächlich auf den rosaroten Wangen, die aber dem Antlitzdiagnostiker in recht vielen Fällen den Magnesia-Mangel verraten. Jedenfalls beobachtet man die Tatsache, daß das Volk dem Aussehen der Menschen Beachtung schenkt. Sehr oft liegt auch in der Ansicht, daß die „rote Nase“ auf reichlichen Alkoholgenuß zurückzuführen sei, ein Irrtum vor, weil die „entzündliche Röte“ nach Hickethiers Lehre einem Mangel an Natrium sulfuricum gleichkommt. Auf der richtigen Fährte ist der Volksmund, wenn er von „erdgrauem“ oder „griesgrämigen“ Gesicht redet. Gram, Kummer, Sorge, Trübsal schaffen eine niedergedrückte Stimmung und führen zu einer Armut der Nerven an Kalium phosphoricum. Oder welche Hausfrau hätte nicht schon über die fettigen Ausschwitzungen des Mannes geklagt und dabei nicht beobachtet wie auch das Gesicht fettig glänzt? Der Mediziner erkennt nervöse Unruhe an den hellroten Flecken der Brust, und der Antlitzdiagnostiker merkt an der eigenartigen Färbung der Wangen den Mangel an Magnesium phosphoricum. Mancher Beobachter aus der allophatischen Schule berücksichtigt das Ohr mit seinem wächsernen Streifen, wenn es sich darum handelt, Blutarmut festzustellen, und bestätigt dem Antlitzdiagnostiker, daß er berechtigt ist, die wächserne Färbung als ein Zeichen für Kalkmangel hinzustellen.

b) Das Wesen der Krankheit als Salzarmut bildet die wesentlichste Grundlage für die Art und Weise, Salzmängel direkt abzulesen. Ich beschränke mich hier auf den Hinweis, daß alle Krankheitsformen und -äußerungen die Folge von Betriebsstoffmangel sind und das Heilbestreben der Natur offenbaren. Bietet die Antlitzdiagnostik uns die Möglichkeit, ohne den Kranken zu befragen und von seiner Psyche abhängig zu sein, direkt und ohne anschließende Umschweife und Schlußfolgerungen die Grundursache eines Leidens aufzudecken, so muß man sagen, daß die Mineralsalz-Lehre erst durch die Antlitzdiagnostik der Vervollkommnung näher gekommen ist.

c) Unser Autor Dr. med. Schüßler, hat als erster auf die Bedeutung hingewiesen und in seinem grundlegenden Werk die Notwendigkeit klargestellt, das Antlitz des Kranken zu erforschen und gewisse Zeichen bei der Mittelwahl zu verwerten. Schüßler verstand es z. B., aus dem Gesicht abzulesen, welches Mittel bei einer Zersetzung zu reichen sei, wenn sonst auch alle Wege zum richtigen Nährsalz verschlossen waren. Wer Schüßler achtet und ehrt, muß unbedingt auf seine Aufforderung eingehen und an die Möglichkeit einer Antlitzdiagnostik glauben. In dieser Lehre kommt es nicht darauf an, beispielsweise Leberkrebs aus dem Gesicht zu erkennen; denn dann müßte man ja noch die Ursache dieser Krankheitsform erschließen. Und die Biochemie lehrt doch, eine Allgemeinerkrankung des ganzen Körpers von der örtlichen Auswirkung der Mängel zu unterscheiden.

II. Der Ausbau der Antlitzdiagnostik

folgte, nachdem die

a) sachlichen Voraussetzungen für die Begründung und Abfassung der neuen Lehre vorlagen. Gar mancher hat vergeblich den Anlauf zur Erforschung genommen, allein dem Naturforscher Kurt Hickethier gelang das Werk vermöge seiner besonderen Geistesgaben. Zu dem Gelingen gehörte einmal ein ernsthaftes und vertieftes Studium der Biochemie, zum andern ein ausreichendes Maß von Beobachtungsgabe und Farbensinn und schließlich ein durch übergroße Menschenliebe gehobener Heil- und Helferwille. Hickethier merkte sich genau des Kranken Ausdruck vor, während und nach der Behandlung und erspürte aus den Veränderungen die Zeichen, die den Salzmangel kennzeichneten. Es erforderte ein langjähriges Prüfen, Abwägen der empfangenen Eindrücke, um sie schließlich sicher voneinander unterscheiden zu können: Farben, Falten, Glanz usw.

b) Nachdem nun die Geheimnisse der Zeichendeutung aufgedeckt waren, entstand für den Erforscher die überaus schwierige Aufgabe, die Lehre anderen Menschen, dem Leser, greifbar nahezubringen und sie in verständliche Worte zu fassen. Obwohl Schüßler vor diesem notwendigen Schritt zurückschreckte, suchte und fand Hickethier auch die sprachlichen Verdeutlichungen, die dem Biochemiker die Richtung weisen zu dem Wege, der auch ihn einführt. Sollte aber doch mancher Leser an der Hand des gedruckten Lehrbuches nicht eindringen, so steht ihm die Möglichkeit offen, an den Ausbildungs-Seminare teilzunehmen, die im Naturheilzentrum Friedrich Depke in D-56132 Kemmenau bei Bad Ems, durchgeführt werden.

c) Dann müssen selbst überängstliche und bedenkliche Menschen zu der Überzeugung gelangen, daß diese neue Lehre keinem Wiegenkinde gleichzuachten ist, sie vielmehr eine durchaus vollkommene Geistesschöpfung darstellt, die allen Ansprüchen vollauf genügt. Was die Frage nach der Erlernbarkeit und praktischen Verwertung anbelangt, so ist auch hier günstig zu berichten, daß sich nach Feststellung durch den Begründer die weitaus größte Mehrzahl der Schüler zur Anwendung dieser neuen Diagnostik eignet. Wenn auch nicht alle wie Hickethier die allerfeinsten Andeutungen erkennen lernen, so ist doch den größten Gefahren der Krankheit begegnet, wenn man die hervorstechendsten Merkmale zu deuten vermag und in Zweifelsfällen einen Antlitzdiagnostiker befragt.

III. Die große Bedeutung der Antlitzdiagnostik liegt

a) zunächst darin, daß sie die Wahl der erforderlichen Nährsalze erleichtert und bestätigt. Welche inneren Ursachen hat z. B. eine Gelenkentzündung? Das zu entscheiden, steht sogar dem biochemischen Arzt nicht so leicht an, so daß er entweder die Entzündungssalze verschreibt oder die Salze gegen Rheumatismus. Da geht es leicht an, daß die Mittel völlig versagen, weil die Beschwerden nicht in ihren Wirkungskreis fallen. Mancher Neuling und Fernstehende verliert sein Vertrauen und wendet sich anderen Behandlungsweisen zu. Die Antlitzdiagnostik gibt in jedem Krankheitsfall sicher die Mängel an, wie Hickethier unter anderem auch bei mir bewies. Vor besonderen Schwierigkeiten steht man bei der Behandlung von inneren Leiden, bei denen die Beschaffenheit der Absonderungen und Ansammlungen ohne künstliche Entnahme nicht festzustellen ist. Wenn z. B. Wassersucht vorliegt, so können die verschiedensten Mittel notwendig werden, um das Wasser auszuscheiden. Ist das Wasser eiweißhaltig, faserstoffhaltig, gelb weiß, zersetzt? Beste Erfolge sind nur da zu erwarten, wo die Grundursachen und die tatsächlich vorliegenden Mängel aufgedeckt werden. Die Antlitzdiagnostik gibt sicheren Aufschluß, welche Anforderungen der Körper an den Mineralsalzhaushalt stellt, so daß die Biochemie schnell und sicher zu heilen vermag.

b) Gilt das auch für hitzige und schnell verlaufende Krankheiten? Die Antlitzdiagnostik leistet auch hier wertvolle Dienste, weil sich die Salzmängel augenblicklich und schnell im Gesicht ausprägen, und zwar schon früher als die ersten Krankheitsäußerungen auftreten. Sobald der Körper seinen Reservevorrat an Salzen angreifen und sogar Salze dem Zellenbestand entziehen muß, schickt er seine Warnrufe aus in Form von bestimmten Zeichen im Gesicht. Beachtet man diesen Hilferuf, so brechen Krankheiten gar nicht aus. Krankheiten vorbeugen ist besser als heilen. Kennt man die Antlitzdiagnostik nicht, so schreiten die ersten, verborgenen Vorgänge im Körperinnern weiter fort, und es kommt zur Herausnahme der Salze aus den Zellen. Wird zum Kampf gegen den Feind z. B. Kalium chloratum den Zellen entzogen, so muß Faserstoff als grau-weißer Schleim an die Oberfläche treten. Vorbeugen kann man mit Hilfe der Antlitzdiagnostik in ganz besonderer Weise den schwersten und langwierigsten Krankheiten. Die überaus gefährliche Harnsäure, die Folgen eines dauernden Mangel an Natrium phosphoricum, bildet die Ursache zu vielen Krankheiten und ist an dem fettigen Glanz festzustellen. Gelenkrheumatismus stellt sich erst dann ein, wenn das Blut zu stark mit dieser Säure angereichert ist. So ergibt sich die Möglichkeit, solchen und anderen Beschwerden rechtzeitig einen Damm entgegenzusetzen.

c) Wenn ein Mineralsalzmangel nicht sofort seinen sichtbaren Ausdruck in einem Leiden findet, so leuchtet es ein, daß umgekehrt auch nach Beseitigung der äußeren Erscheinungen Salzmängel zurückbleiben. Das große Wunder, Mensch genannt, bezeigt dadurch zugleich große Anpassungsfähigkeit und Ausgleichsmöglichkeiten. Hier gilt es, die noch verbliebenen Mängel restlos zu beseitigen, nicht nur den äußerst notwendigen Bedarf zu decken, sondern die natürlichen Reserven wieder aufzufüllen, um Rückfälle zu vermeiden und Dauererfolge zu erzielen. Die Antlitzdiagnostik ermahnt somit zur Ausdauer in der Einnahme von Salzen und sichert dem Berater den Enderfolg auch bei chronischen Krankheitsformen.

d) Die Antlitzdiagnostik lehrt uns auch die Tatsache, daß ein bestimmter Salzmangel zu gewissen Zeiten bei vielen Menschen zugleich auftritt und wieder verschwindet. Darin dürfte der Grund liegen für die Krankheiten, die sich seuchenartig verbreiten. Anhaltend feuchtes und sonnenarmes Wetter spielt erfahrungsgemäß bei der Influenza eine bedeutende Rolle, weil das ausgediente Wasser im Körper nicht genügend ausgeschieden wird. Der Nährboden für die Krankheit ist bereitet und mit einem Mangel an Natrium sulfuricum verknüpft. Es mögen noch andere unbekannte Kräfte und Strömungen aus dem Weltall mit in Frage kommen; jedenfalls steht fest, daß die Salzmängel nicht bei allen Menschen gleich stark hervortreten und nicht dieselbe Heftigkeit des Auftretens zulassen. Sobald eine Epidemie erkannt wird, stellt der Antlitzdiagnostiker den Salzmangel fest und sucht ihn entsprechend aufzufüllen, um einer solchen Welle gewappnet entgegentreten zu können.

e) Dringen also sehr oft Krankheitsstoffe von außen auf den Menschen ein, die zu ihrer Tilgung den Nährsalzhaushalt ungünstig beeinflussen, rufen wir selbst durch unsere falsche Ernährungsweise und unsere verkehrten Lebensgewohnheiten weit größere Mängel an Lebenssalzen hervor. Antlitzdiagnostisch steht fest, daß vielen Menschen Natrium phosphoricum in verschieden starkem Maße fehlt. Das liegt am weißen Zucker, an zu reichlicher Eiweißaufnahme, an den Genußmitteln usw. Da taucht die Frage auf, ob die Feststellungen Hickethiers in Bezug auf die Zeichen zu Recht bestehen, weil es zurzeit selten Menschen ohne den fettigen Glanz gibt. Als Antwort dient der Hinweis auf die Abstufungen des Glanzes vom vermeintlichen Gesunden an bis hin zu dem Schwerkranken.

f) Wenn nun bei jedem Menschen mehrere Salzmängel zugleich bestehen, so muß man sich Klarheit verschaffen über starke und schwache Anzeichen des Antlitzes. Daß man zunächst den Hunger nach dem nötigsten Betriebsstoff stillen muß, leuchtet wohl ein, wenn man bedenkt, daß nur ein starker Ausfall den Tod herbeiführt. Solange keine lästige Krankheitsform herrscht, können wir die Antlitzdiagnostik im vorbeugenden Sinne voll verwerten und zur Geltung bringen. Sie läßt uns aber auch nicht im Stich, wenn sich plötzlich ein Plagegeist meldet. Bei genauer und öfterer Beobachtung des Gesichtes entdeckt man, wie sich ein Zeichen schnell verstärkt, und darin liegt dann ein untrüglicher Fingerzeig für die Auslese, die man in solchen akuten Fällen selbst im Antlitz noch treffen muß. Manchmal sind bei einem Menschen so viel Salze aufzufüllen, daß es ganz ausgeschlossen erscheint, eine einzige Äußerung mit allen fehlenden Mitteln in Zusammenhang zu bringen. Hier füllt man die stärksten Mängel zuerst auf. Rein zu Vergleichszwecken benutzt man neben der Antlitzdiagnostik alle anderen gangbaren Wege der Mittelbestimmung, jedoch mit der Einschränkung, daß das Antlitz bei jeder Gelegenheit die Kontrolle ausübt, ob ein Mittel überhaupt vom Körper beansprucht wird oder noch ein sehr wichtiges vergessen ist. Bei den sehr hitzigen Krankheiten ist die Antlitzdiagnostik im Verhältnis zu den anderen Feststellungslehren jedoch weit erhabener und wichtiger als bei langsam verlaufenden Erscheinungen. Während bei Krankheiten ohne Fieber die Zeit nicht drängt, kommt es bei schweren Fieberkrankheiten auf jede Stunde an. Je hitziger und schwerer die Krankheit wird, desto mehr überstrahlt ein einzelner Salzmangel das Gesicht, so daß es der beste Berater in der größten Gefahr ist.

Somit dürfte genügend klargestellt sein, daß die Antlitzdiagnostik den Biochemiker ein gutes Stück vorwärts zu bringen vermag. Warnen möchte ich vor der irrigen Annahme, das Studium der Biochemie sei nun mit einem Schlage überflüssig geworden. Nein, der Wirkungskreis der Nährsalze, verbunden mit bestmöglicher Kenntnis des menschlichen Körpers, muß gründlich beherrscht werden. Man lernt nie zuviel!

 

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