Eine Antlitz-Diagnostik

Auszug aus „Eine abgekürzte Therapie“ von Dr. med. Wilhelm Schüßler

(…) Wer nur biochemische Mittel anwendet, kann, falls er seine Beobachtungsgabe üben will, im Laufe der Zeit die Fähigkeit erwerben, in vielen Fällen von, namentlich chronischen Krankheiten an der physischen Beschaffenheit des Gesichts und an dem psychischen Ausdrucke desselben zu erkennen, welches biochemische Mittel einem gegebenen Krankheitsfalle entspricht.

Eine solche Antlitz-Diagnostik darf zwar für sich allein nicht die Wahl des anzuwendenden Mittels bestimmen, sie kann aber die Wahl erleichtern, resp. bestätigen.

Wer die Antlitz-Diagnostik erlernen will, muß dieselbe auf autodidaktischem Wege sich erwerben. Ein Versuch, sie mittels einer gedruckten Anleitung zu lehren, würde zu Mißverständnissen führen. – Ein Schäfer kennt jedes Individuum seiner Herde; er ist aber nicht im Stande, die bezüglichen unterscheidenden Merkmale anzugeben.

Wer die Antlitz-Diagnostik sich zu eigen machen will, schenke seine bezügliche Aufmerksamkeit zunächst einer Anlitz-Gattung. Das Kochsalz-Gesicht – sit venia verbo – ist am leichtesten kennen zu lernen. – Man präge seinem Gedächtnisse Beschaffenheit und Ausdruck der Gesichter derjenigen Personen ein, welche man mittels Natrum muriaticum verhältnismäßig rasch geheilt hat. Es wird sich, wie man zu sagen pflegt, ein roter Faden durch die betr. Eindrücke ziehen.

Hat man das Kochsalz-Gesicht kapiert, so gehe man zu einem anderen Natron-Gesichte über.

Es ist selbstverständlich, daß diejenigen Ärzte, welche die Gewohnheit haben, zwei oder gar noch mehr Mittel im raschen Wechsel zu geben, die Antlitz-Diagnostik niemals erlernen werden. Die Verabreichung zweier Mittel im Wechsel ist nur ausnahmsweise in den Fällen gestattet, wo sie unvermeidlich ist.

(…) Es ist von verschiedenen Seiten behauptet worden, die Biochemie reiche für alle Fälle nicht aus. Den Betreffenden rufe ich zu: Studieren Sie ‘mal gründlich die Antlitz-Diagnostik. Wenn Sie dieselbe kapiert haben werden, kann der Fall eintreten, daß Sie sich veranlaßt sehen, z. B. Magnesia phosphorica gegen einen septischen Zustand in Anwendung zu ziehen. – Sie werden demzufolge eine Heilung konstatieren. Der bezügliche Unterschied zwischen dem genannten Mittel und dem Kali phosphoricum läßt sich einstweilen durch Worte nicht genau ausdrücken.

 

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